Die Klasse
February 5, 2009

Die Klasse
Auf den französischen Film “Die Klasse” war ich besonders gespannt, zum einen weil er hochgelobt wurde und eine goldene Palme gewonnen hat, zum anderen weil ich selbst zur Zeit in einer Schule unterrichte, die wohl den herkömmlichen Anforderungen an eine “Brennpunktschule” entspricht. Der Film ist nicht schlecht, aber ganz konnte er mich nicht überzeugen.
Der Film ist bemüht um einen authentischen Blickwinkel auf den Schulalltag in einer Banlieu-Schule mit Schülern, die fast alle ausländische Wurzeln haben. Was dem Film gut gelingt, ist den alltäglichen Wahnsinn einzufangen, ohne der Versuchung einer zu stringenten Dramaturgie zu erliegen. Sprich: Der Lehrer weiß oft auch nicht, was er auf die oft triftigen (An-)fragen seiner Schüler antworten soll. Er lässt sich auf Sinnfragen und Grundsatzdiskussionen ein, wobei man ihm oft den Zweifel abspürt, ob es jetzt ehrliche Fragen sind oder Ablenkunsmanöver. Oft stößt er an Grenzen, versucht es mit Strafen, Appellen und wird auch mal ausfallend.
Neben der vielschichtigen Figur des Lehrers Francois ist es auch gut gelungen, die Athmosphäre im Lehrerzimmer einzufangen: eine anrührende Mischung aus Idealismus, Zusammenhalt und Resignation. Skurril, wie die Themen wechseln zwischen dem Abschiebeverfahren der Mutter eines Schülers und der Preiserhöhung für den Kaffeeautomaten. Irgendwie ist jeder Einzelkämpfer und doch ringen alle mit den gleichen Problemen. Auch hier haben die Filmemacher es geschafft, die Situationen dadurch glaubhaft wirken zu lassen, dass sie oft ins Leere laufen. In einer Szene geht es um Sanktionen für einen Schüler. Nachdem sich – mal wieder – eine Grundsatzdiskussion über die Sanktionsspirale entfaltet, schaltet sich der Rektor ein: “Ok, das ist ja alles schön und gut, aber ich bin ziemlich dumm und muss jetzt einfach wissen, was ich ins Zeugnis schreibe.”
Wie gesagt, stark fand ich die deskriptive Art des Films ohne dramaturgisches Korsett (Spannung darf man natürlich auch nicht erwarten). Das ist einfach ein unverfälschter Blick auf die alltägliche Verfahrenheit an einer Schule, an der jeder mit vielen Dingen zu kämpfen hat und die eigentliche Funktion der Schule eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Es gibt wenig moralisierende Tendenzen, das ständige Dilemma zwischen Strafen für Schüler, die sie oft noch tiefer in den Schlamassel bringen und zu großer Nachsichtigkeit, die den Unterricht unmöglich machen und den Einzelnen erst recht keine Regeln einsichtig machen, wird meines Erachtens sehr wirklichkeitsnah dargestellt, besonders in der Person von Francois.
Wieso war ich trotzdem ein wenig enttäuscht von dem Film? All die Dinge die beschrieben werden, vom dreisten Desinteresse bis zum ständigen “Ich habe meine Sachen vergessen” und “Was geht Sie das an, wie ich das persönlich sehe” sind mir auch aus der Schule allzu vertraut. Letztlich dachte ich oft, dass die Film-Schüler noch sehr angenehm sind, weil sie letztlich sehr viel diskutieren und doch im großen und ganzen mitarbeiten. Das Problem ist eben, dass der Film eben doch oft auf der recht oberflächlichen Beschreibungsebene bleibt. Natürlich wird angedeutet, wie eng das schulische Verhalten mit sozialen Zusammenhängen, familiären Problemen und kulturellen Unterschieden zusammenhängt. Auch das Lehrerdilemma, wie man mit Disziplinlosigkeit umzugehen hat, wird beschrieben, und da hätte ich jetzt auch keine Instantlösung erwartet, weil es sie nicht gibt.
Was mich wirklich interessiert hätte, wäre ein tieferer Einblick gewesen, was die Schüler zu ihrem Verhalten bringt. Was ist letztlich das Problem von Suleyman (der von der Schule verwiesen wird) – warum kann er sich partout nicht einfügen? Man erfährt, das er aus Mali kommt und wahrscheinlich nach seinem Rausschmuss dorthin zurück muss. Es kommt rüber, dass er viele Dinge anders sieht, was wahrscheinlich mit seinem Kulturkreis zu tun hat. Er hat eine überbehütende Mutter, die ein verzerrtes Bild von ihrem Sohn hat. Alles schön und gut. Das ist die Perspektive, die ich auch auf viele Schüler habe. Aber was erklärt letztendlich, dass jemand jede Mitarbeit verweigert, zu cholerischen Ausfällen neigt und weder zu Mitschülern noch zum Lehrer ein vernünftiges oder respektvolles Verhältnis aufbauen kann? Dieser Schritt hat mir gefehlt, aber vielleicht ist das ein anderer Film.